Unwirtliches Land

I gloub, hie isch der letcht Äschebächer, seit si. Ein tiefes Husten dringt aus ihren Lungen. Oder hat man nur eine Lunge? Der Gedanke kommt ihr heute schon zum wiederholten Mal. Sie drückt ihre Jacke enger an den Körper. Kann eine Lunge aussetzen und dann die andere weiterarbeiten, so, wie bei den Nieren? Nein, denkt sie. Die Lunge hat bloss zwei Seiten. Und wenn man die kaputtraucht, dann taugen sie nichts mehr. Die Eisige Kälte versteinert ihr Gesicht. Sie drückt ihre Zigarette in den Metallenen Behälter, der auf einer kurzen Stange über dem hartgefrorenen Boden thront. Gerade hoch genug, dass man sich nicht daneben setzen könnte, aber gerade so tief, dass man daneben auch nicht gemütlich stehen kann. Ein Aschenbecher, der sagte: Das was du hier machst, ist falsch und ich lasse es dich wissen. Sie lässt den letzten Zug aus ihren Lungen entweichen und sieht nach vorn:

Eis.

Nichts als Eis.

So weit das Auge reicht nur weisses, kaltes, pickelhartes Eis.

So etwa hat sie es sich vorgestellt. Eine Schleuse, ein Übergang, eine Art Tor und dann: Der Nordpol. Oder ist es der Südpol? Sie weiss es gerade nicht mit Sicherheit. Obwohl sie ja da ist. Wie eigenartig das alles ist, denkt sie sich und dreht sich zurück, um sich zu vergewissern, dass die Asche ihrer letzten Zigarette auch wirklich in dem Aschenbecher gelandet und geblieben ist.

Was wohl für eine Strafe darauf stünde, den Nordpol zu verschmutzen? Mit Asche oder mit Alltagsmüll? Sie hat so oder so nicht vor, die Natur, die ihr am Herzen liegt, noch weiter zu verschandeln. Das haben sie und andere in ihrer Welt schon zur Genüge getan. So oder so wird ihr Trupp seinen Müll stets mitnehmen. Leere Dosen, leere Gaskartuschen, sogar leere Streichholzschachteln. All das werden sie mitschleppen, bis sie wieder hier am Punkt null sind.

Oder sie werden es auf einer riesigen Müllkippe im Camp Sunrise in der Mitte der Arktis verbrennen.

So haben es die Amis gemacht, das hat sie gehört. Oder hat sie es gesehen? In den Abendnachrichten? Schliesslich ist sie selbst Amerikanerin, kommt es ihr plötzlich in den Sinn, und alles was sie weiss, weiss sie aus dem Fernsehen.

Sie sieht diesen blonden Newssprecher auf einem Bildschirm vor sich. Wie er sagt: «The oceans have yet to rise and the icecaps yet to melt, but climate change activists gather all over the globe to protest something, that isn’t happening.»

Sie macht die Augen auf. Auf dem Bildschirm vor ihr sind mehrere Gesichter zu sehen. Irgendwelche Frauen, Gäste einer Late Night Talkshow. Sie riecht etwas Brennendes, Ungesundes. Sie sieht nach unten, dahin, wo der Geruch herkommt und beobachtet danach noch ein paar Minuten lang das Spektakel: Wie die Zigarette, die ihr im Schlaf aus der Hand gefallen ist, ein immer grösser und dunkler werdendes Loch in die Kunstfasercouch brennt.

«…yet all they seem to do is cry and whine. When will they start coming up with solutions?» Sie steht auf, geht in die Küche, kommt mit einem metallenen Gegenstand in der Hand wieder ins Wohnzimmer zurück. Sie setzt sich auf die Couch, zieht sich die synthetische Decke um ihre Schultern und legt die Zigarette in den silbernen Aschenbecher.

Die 10 Wort Story


Die 10 Wort Story
 
Der Protagonist dieser Geschichte ist unbekannt. Er wurde nie von jemandem gesehen. Aber er hat eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die so gut ist, dass er sich selbst als Hauptakteur in sie hineingeschrieben hat. Es fängt so an:

An einem wunderschönen Sonntagmorgen, in einer idyllischen Hochhaussiedlung ausserhalb der Stadt… nein. Stopp. Es war Samstag.

An einem idyllischen Samstagmorgen, in einer Stadtsiedlung ausserhalb des wunderschönen Waldes, war ein Reh.

Was?

Ein Reh.

Was ist mit dem Reh?

Es war da.

Was hat das Reh dann da gemacht?

Das weiss ich nicht. Aber der Protagonist weiss es. Also…

Das Reh stand ausserhalb der grünen Siedlung und war idyllisch.

Hä?

Was ‘hä’?

Wie kann denn das Reh idyllisch sein? Und viel wichtiger als das: Wieso ist diese Hochhaussiedlung grün?

Na, das Wort grün muss halt in der Geschichte vorkommen. Und grüne Baumkronen hat es in der Hochhaussiedlung keine. Die ist schliesslich urban. Also:

Die blauen Linien des Wassers zogen sich IDYLLISCH durchs Land. Sprudeln.

War das Reh klein?

Was? … Warum sollte das Reh klein gewesen sein? Was weiss ich, ob das Reh klein ist? Kleine Rehe interessieren mich überhaupt nicht!

Klein steht halt eben auch auf der Liste. Die zehn Wörter, die in der Geschichte stattfinden müssen. Jetzt sei doch nicht gleich so aggressiv.

ICH BIN NICHT AGGRESSIV! Ausserdem können Wörter nicht stattfinden. Die sind keine Events.

Hä?

Noch drei. Wir haben noch drei weitere Wörter.

Kann der Protagonist denn nicht helfen? Der weiss doch, wie sich die Geschichte entwickelt?

Na, willst du ihn etwa fragen gehen? ‘Hey, ich muss eine Geschichte über ein kleines Reh in einer sprudelnden Hochhaussiedlung mit idyllischen Baumkronen und grünen Tasten erzählen. Wollen wir plaudern?’ So?

Na, man kann ja immerhin mal fragen. Ich stelle ihm die Fragen und du schreibst mit.

Ne, lass mal. Ich stelle die Fragen. Du haust in die Tasten.

Tasten hatten wir schon.
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Das Reh wunderte sich derweil, was die Zacken vor ihm in der Wiese zu suchen hatten. Zacken, dachte sich das kleine grüne Reh, Zacken waren hier noch nie vorgekommen. Die musste wohl jemand hier vergessen haben. Ob die Geschichte ohne sie noch Sinn machte? Oder ergab?